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„Abbrecher-Studie“ – bisherige Ergebnisse

Den Gründen für Maßnahme-Abbrüche in der beruflichen Rehabilitation wird an der Humboldt-Universität wissenschaftlich auf den Grund gegangen. In einem Interview gibt Heike Ohlbrecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin in der Abteilung Soziologie der Rehabilitation am Institut für Rehabilitationswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin, Auskunft über die bisherigen Ergebnisse.

Frau Dr. Ohlbrecht, in Ihrem soziologischen Forschungsbereich am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin ist eine Studie zu Abbruchsgründen in Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation in Arbeit. Wie kam das Projekt zustande?
Dr. Heike Ohlbrecht: Von jährlich durchschnittlich 95.000 Teilnehmern an Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation in der Bundesrepublik brechen etwa 20 bis 30 Prozent vorzeitig ab. Diese Eckziffern stammen aus den Erfassungen des bundesweiten Zuwendungsträgers dieser Maßnahmen, der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Nicht systematisch erfasst oder gar ausgewertet wurden dabei bisher die Gründe für Massnahmeabbrüche, so dass zwar Einzelfallerfahrungen – nicht zuletzt bei den Maßnahmeträgern – vorliegen, wie das Risiko solcher Abbrüche erkannt und der Abbruch selbst ggf. abgewendet werden kann, aber die Frage nach verallgemeinerungsfähigen Konsequenzen und Gegenstrategien ist bisher nicht beantwortet. Das ist jedoch eine Problematik, die außer für die betroffenen Teilnehmer auch von erheblicher ökonomischer Relevanz für die Gesamtgemeinschaft der Versicherten ist, denn die Kosten einer beruflichen Rehabilitation übersteigen in der Regel 10.000 Euro bei weitem. Vor diesen Hintergrund ist die DRV unserem Forschungsanliegen gefolgt – federführend war hier der Leiter der Abteilung für Soziologie der Rehabilitation, Herr Prof. Dr. Ernst von Kardorff –, bestehende Erkenntnislücken durch eine wissenschaftliche Studie zu schließen.

Also eine Auftragsstudie?
Ohlbrecht: Diese Frage wird öfters gestellt, und ich kann sie verneinen. Die DRV hat nach dem für sie geltenden gesetzlichen Regelwerk die Möglichkeit, auch freie Forschung zu finanzieren. Einfluss auf unsere wissenschaftliche Arbeit nimmt die DRV hingegen nicht. Dort besteht vielmehr Interesse an wissenschaftlich fundierten Ergebnissen zur Problematik der Abbruchgründe.

Wie geht Ihr Team im Einzelnen vor?
Ohlbrecht: Während der 18-monatigen Dauer des Projektes gewinnen wir* quantitatives und qualitatives Material aus laufenden beruflichen Reha-Maßnahmen. Unsere Partner, mit denen die Zusammenarbeit übrigens hervorragend funktioniert, sind neben der DRV je drei große Träger der stationären beruflichen Rehabilitation, konkret Berufsförderungswerke, und der ambulanten Variante, in diesem Fall freie Bildungsträger**. Wir haben dabei auf eine solche territoriale Kontrastierung geachtet, dass sowohl wirtschaftlich robuste Regionen (Baden Württemberg) vertreten sind, als auch eher strukturschwache (Mecklenburg-Vorpommern) und nicht zuletzt im Mittelfeld platzierte (Berlin-Brandenburg). Mit Hilfe der Maßnahmeträger haben wir zunächst einmal 500 Reha-Teilnehmer mit einem detaillierten Fragebogen befragt. Darüber hinaus führen wir Expertenbefragungen mit Reha-Beratern der DRV sowie Mitarbeitern von Maßnahmeträgern durch. Nicht zuletzt gehören umfangreiche episodische Interviews mit Reha-Teilnehmern dazu, nicht nur mit Abbrechern.

Im konzeptionellen Ansatz der Studie wird eine differenzierte Typologie von möglichen Massnahmeabbrüchen zugrunde gelegt, die keineswegs alle das übergeordnete Ziel, Rehabilitanden wieder dauerhaft in Arbeit zu bringen, konterkarieren …
Ohlbrecht: Wir unterscheiden insgesamt fünf Kategorien von Massnahmeabbrüchen, von denen tatsächlich nur ein Teil – wir sprechen in diesem Fall von „Abbruch nach unten“ – ohne jedes positive Ergebnis im Sinne des übergeordneten Ziels bleibt. Insbesondere im Hinblick auf diese Abbrüche soll unsere explorative Studie die wesentlichen verursachenden persönlichen, prozessinduzierten und anderen Gründe identifizieren. Von „Abbruch nach oben“ sprechen wir demgegenüber, wenn Teilnehmer, was immer wieder vorkommt, wegen Arbeitsaufnahme aus Maßnahmen ausscheiden. Daneben unterscheiden wir „horizontale Abbrüche“, wenn ein Wechsel in der Reha-Einrichtung oder -Maßnahme erfolgt, „Umsetzer“, wenn in derselben Einrichtung ein anderer als der zunächst angestrebte Beruf erlernt wird, und „Wiedereinsteiger“, wenn Teilnehmer nach temporärem Pausieren aus gesundheitlichen, sozialen, psychologischen oder anderen Gründen später wieder zum Reha-Träger zurückkehren.Heike Ohlbrecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin in der Abteilung Soziologie der Rehabilitation am Institut für Rehabilitationswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

Sie sprachen von etwa 20 bis 30 Prozent Abbrüchen. Wie ist die Verteilung auf die fünf Kategorien?
Ohlbrecht: Genau darüber liegen bisher eben keine gesicherten Erkenntnisse vor, und diese Lücke werden wir angesichts der Laufzeit unserer Studie auch nur teilweise schließen können, denn berufliche Reha-Maßnahmen dauern in der Regel mindestens zwei, häufig aber auch drei Jahre. Schon von daher stellt sich die Frage nach einer Nachfolgestudie. Das betrifft z. B. auch die längerfristige Bewertung von Maßnahmeerfolgen, also wie sich die Berufstätigkeit von Teilnehmern, die erfolgreich abgeschlossen haben, nach einigen Jahren darstellt.

Die Studie läuft jetzt seit etwa einem Jahr. Welche Zwischenergebnisse gibt es?
Ohlbrecht: Da bin ich beim gegenwärtigen Stand unserer Arbeiten noch sehr zurückhaltend. Wir haben aber bisher z. B. bereits den Eindruck gewonnen, dass das Abbruchmanagement inklusive Früherkennung bei den Maßnahmeträgern sehr gut läuft, dass dafür ausgefeilte Methoden und Mechanismen zur Anwendung kommen, um durch sehr individuelles Eingehen auf die Teilnehmer und ihre Probleme, bei Bedarf ggf. bis hin zur Änderung des Berufszieles, den Maßnahmeerfolg für die Teilnehmer zu sichern. Auf diesem Gebiet liegt eine besondere Stärke der freien Träger, die über ein signifikant breiteres Portfolio an Möglichkeiten zur Berufsausbildung verfügen als die zentralen Berufsförderungswerke. Eine von deren Stärken hingegen besteht in der konzentrierten Bereitstellung von Fachpersonal, permanente professionelle psychologische Betreuung eingeschlossen. Als Ergebnis aus der Fragebogenaktion deutet sich an, dass den Rehavorbereitungskursen (RVLs) und der Qualität der individuellen Beratung durch die Rehafachberater sowie der Berufsorientierung der Teilnehmer im Sinne der Zuweisungspraxis in dieser Phase eine ganze entscheidende Bedeutung für den späteren Maßnahmeerfolg oder auch Nichterfolg zukommt. Das entspricht allerdings auch den Erwartungen, denn wenn die Weichen nicht richtig gestellt sind …

Das Interview führte Claudia Hüttel (bbw), Leiterin Produktgruppe "Ambulante berufliche Rehabilitation". 


* - Zum Team gehören – neben der Projektleitung durch Herrn Prof. Dr. Ernst von Kardorff und Dr. Heike Ohlbrecht – Dipl.-Päd. (Reha) Susanne Bartel, Dipl.-Päd. (Reha) Yvonne Kasten, Dr. Alexander Meschnig sowie die studentischen Mitarbeiterinnen Madeleine Brückner und Mandy Seefeldt.
** - Es sind dies im Einzelnen: bbw Akademie für Betriebswirtschaftliche Weiterbildung GmbH; Berufsförderungswerk Berlin Brandenburg (Standort Mühlenbeck); Berufsförderungswerk Schömberg; Berufsförderungswerk Stralsund; Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gGmbH sowie Internationaler Bund (IB) e.V. Verbund Württemberg.

Kontakt: heike.ohlbrecht@rz-hu-berlin.de

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